Unsere Freundin Paula ist tot. Gestorben am Ostersonntag, im Kreis ihrer Familie. Wir sind traurig…
Paulas Sohn Kurt schreibt uns: „Bitte teilt diese Nachricht mit all unseren Freunden in Deutschland:
Liebe Freunde,
Ich schreibe Ihnen, um Ihnen die traurige Nachricht zu überbringen, dass meine Mutter Paula gestern Abend verstorben ist. Sie war im Kreise ihrer Familie – meines Bruders Paul, meiner Schwester Christine und mir –, als sie ihren letzten Atemzug tat und ihre Augen für immer schloss.
Sie hat in den vergangenen 100 Jahren ein erfülltes Leben geführt und viele Freunde gewonnen, darunter auch Sie und all ihre besonderen Freunde in Deutschland. Sie war so dankbar und glücklich, dass Sie ihr geholfen haben, an das Leben der Familie Freundlich zu erinnern. Es war ihr sehr wichtig.
Vielen Dank für Ihre Freundschaft und Gastfreundschaft. Wir werden Ihre Güte und die Freude, die Sie unserer Mutter bereitet haben, nie vergessen.“
Auch wir werden Paula nie vergessen. Wie könnten wir!
Paula, die wir bei unserer ersten Begegnung ins Herz geschlossen haben. 2014, als sie zu uns kam, um zu sehen, wie die Stolpersteine für ihre Familie in Bad Rehburg verlegt werden.
Paula, die uns trotz des unermesslichen Leids, das ihr hier angetan wurde, seitdem als ihre Freunde angesehen hat.
Paula, die uns ihre Lebensgeschichte anvertraut hat, und die uns mit so viel Vertrauen, Wärme und Herzlichkeit begegnet ist.
Zwei Dinge hat sie uns mitgegeben und gelehrt:
Versöhnung ist möglich!
Und so etwas, wie zur Zeit des Nationalsozialismus, darf nie wieder geschehen!
Paula Calder, geb. Freundlich ist tot. Gestorben ist sie im hohen Alter von 100 Jahren in England, wo sie seit Anfang 1939 gelebt hat.
Geboren wurde Paula am 4.11.1926 in Bad Rehburg. Den Ort und ihre Familie musste sie verlassen, weil sie mit einem Kindertransport in die Sicherheit nach England geschickt wurde. Ihre Familie hat sie nie wiedergesehen, denn die Eltern und ihre fünf Geschwister konnten dem Holocaust nicht entkommen und sind alle umgebracht worden.
Paula hat überlebt, hat in England eine eigene Familie gegründet und hat am Ostersonntag nach einem erfüllten Leben im Kreise ihrer Kinder ihren letzten Atemzug getan, so schreibt Paulas Sohn Kurt in einer Nachricht an „Liebe Freunde…“ in Rehburg-Loccum.
Spontan hat sich eine kleine Gruppe auf dem jüdischen Friedhof in Rehburg getroffen, um an Paula zu denken und Abschied von ihr zu nehmen.
Zweimal, 2014 und 2019, war Paula in Begleitung einiger Familienangehörigen auf Einladung des Arbeitskreises Stolpersteine zur Verlegung von Stolpersteinen nach Rehburg-Loccum gekommen. Bei diesen Besuchen und zahlreichen weiteren Kontakten war eine freundschaftliche Beziehung entstanden.
Darauf weist auch Paulas Sohn Kurt in seinem Schreiben hin: „Sie war so dankbar und glücklich, dass Sie ihr geholfen haben, an das Leben der Familie Freundlich zu erinnern. Vielen Dank für Ihre Freundschaft und Gastfreundschaft. Wir werden Ihre Güte und die Freude, die Sie unserer Mutter bereitet haben, nie vergessen.“
An diesem Abend auf dem jüdischen Friedhof erinnern sich die Zusammengekommenen an die ersten Kontakte mit Paula, an die Treffen, an das Abholen auf dem Flughafen Hannover, an Gespräche, an gemeinsames Essen, aber vor allem daran, wie sehr sie uns mit ihrer Geschichte Einblicke in ihr Leben ermöglicht hat und dass sie uns mit viel Vertrauen, Wärme und Herzlichkeit begegnet ist. Sie hat uns gezeigt, dass Versöhnung möglich ist.
Während wir an den Gräbern von Paulas Großeltern stehen und erzählen, ist die Sonne untergegangen und ein wunderschöner Abendhimmel mit dem ersten Stern ist zu sehen. Ein Vogel zwitschert leise und wir legen eine Schweigeminute ein, in der jede und jeder auf eigene Weise Abschied nimmt.
Wir sind dankbar für die Begegnungen mit Paula. Sie, ihre Lebensgeschichte, bleibt unvergessen.
Edith Griese-Hüsemann
Heidtorstraße 1
31547 Rehburg-Loccum
Tel.: (0174) 9139598
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